Die Marktmeinung aus Stuttgart: Wahlkampf-Start

Michael Beck

Stuttgart, 28. Juni 2017

Die Erleichterungswirkung nach den Wahlen in den Niederlanden und Frankreich, bei denen es gelungen ist, die rechts- und linkspopulistischen Parteien im Zaum zu halten, hält noch an. Ebenso wie die Abschreckungswirkung des Elefanten im US-Präsidentschafts-Porzellanladen. Die beiden stark unter Umfrage-Druck stehenden Parteien SPD und Grüne scheinen ihr Heil jedoch nun auch einerseits in Polemiken und anderseits in aufgesetzt aggressiv vorpreschender Weise und Lautstärke zu suchen. Wohl ein Ausdruck der Verzweiflung über fehlende zugkräftige Inhalte und Themen. Die Union hingegen lehnt sich genüsslich zurück, schweigt und verwaltet die aktuell gute Konjunktur- und Steuerlage. Sollte sie dies bis zur Bundestagswahl tun, könnte es wie bei den letzten Wahlen durchaus sein, dass der komfortable Vorsprung bis September wieder schmelzen wird, da die Wähler/-innen schon auch Ansprache haben möchten. Der mögliche Wahlausgang könnte dann zu schwierigen Regierungskonstellationen führen. Ein Blick nach Holland zeigt, dass Regierungsbildungen trotz eines eindeutigen „Wahlsiegers“ beizeiten relativ schwierig sein können.

Die Finanzmärkte jedoch schätzen stabile Verhältnisse. Aus diesem Grund wurde auch die aktuelle Bankenrettung von zwei Regionalbanken in Italien positiv aufgenommen. Zwar müssen wieder Steuerzahler für Misswirtschaft und Verluste von Banken aufkommen, was man auf europäischer Ebene eigentlich vermeiden wollte, aber größere Verwerfungen wurden verhindert. Eine einheitliche europäische Einlagensicherung rückt damit natürlich in weite Ferne.

Zusätzlich beflügelt wurden die Aktienmärkte in Deutschland und Europa vom neuen Rekordstand des Ifo-Geschäftsklimaindex. Der höchste Stand der Umfrage unter 7.000 Managern seit der Wiedervereinigung deutet eine weitere Fortsetzung des Aufschwungs der deutschen Wirtschaft an. Und dies betrifft ebenso die aktuelle Lage wie auch die Aussichten für die nächsten Monate. Nun, da der wirtschaftlich gute Zustand in Europa nicht mehr zu übersehen ist, hat EZB-Präsident Mario Draghi zum ersten Mal von einer „graduellen Anpassung“ der Geldpolitik gesprochen. Das bedeutet nichts weniger als den Beginn des Ausstiegs aus der extrem expansiven Geldpolitik der Europäischen Zentralbank. Anstatt sich über das positive Marktumfeld zu freuen, das dies ermöglicht, reagierten die Märkte mit alten Reflexen: Euro hoch, Aktien runter. Dabei sollte man sich einmal vergegenwärtigen, von welchem historisch niedrigen Zinsniveau die EZB sich „graduell“ wegbewegen will. Und jedem ist klar, dass irgendwann eine Normalisierung der Geldpolitik wünschenswert wäre. Solange die zukünftige „graduelle Anpassung“ der EZB in relativ kleinen Schritten erfolgt, dürfte bis auf Weiteres keine größere Gefahr für die Bewertungen der Aktienmärkte drohen. Aber die Börsenampeln stehen wohl nicht mehr auf Dunkelgrün.   

 

 

Hinweise:
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