Die Marktmeinung aus Stuttgart: Geopolitische Risiken ignoriert

Michael Beck

Stuttgart, 21. Juni 2017

Dreimal USA: Erstens ist die Außenministerkonferenz zur Klärung der Lage in Venezuela grandios gescheitert, der US-Außenminister kam gar nicht erst zur Konferenz. Zweitens trägt der tragische Fall des nach der Haft in Nordkorea verstorbenen US-Studenten zur weiteren Verschlechterung der Beziehung der USA zu Nordkorea bei. Und drittens bergen die wachsenden Spannungen zwischen den USA und Russland um den Abschuss einer syrischen Militärmaschine durch die USA die lange befürchtete Möglichkeit einer direkten militärischen Konfrontation beider Mächte in sich. Konterkariert wird dies durch einen neuen Höchststand des deutschen Leitindex DAX, der kurz vor der 13.000-Punkte-Marke steht. Verstehen muss man das nicht unbedingt, auch wenn die Bestätigung der deutlichen absoluten Mehrheit des Macron-Lagers in der zweiten Parlamentswahl-Runde in Frankreich für Erleichterung sorgte. Die extrem niedrige Wahlbeteiligung von 43% sollte dabei nicht verunsichern, denn traditionell ist die Parlamentswahl die Bestätigung der als wichtiger empfundenen Präsidentschaftswahl, die nahezu 80% Wahlbeteiligung aufwies. Nun ist der Weg in Frankreich frei für Reformen – theoretisch. Denn die Ultra-Linke in Frankreich hat vehementen Widerstand und großflächige Streiks angekündigt. Der heiße Herbst wird durch die beginnenden Brexit-Verhandlungen flankiert, gekrönt durch die Bundestagswahlen in Deutschland.

Derweil überschlagen sich die tragischen Ereignisse: Hochhausbrand in London, Waldbrand in Portugal – jedes Mal mit Dutzenden von Opfern. Natürlich sind das regionale Ereignisse, aber die Sommerruhe an den Märkten verwundert doch. Denn die gesellschaftlichen Spannungen nehmen nicht nur in Großbritannien zu, wo inzwischen auch von links-, rechts- oder irgendwie-radikaler Seite Gegenanschläge auf unschuldige muslimische Bürger verübt werden. In Deutschland wundert man sich derweil, warum die großen orthodoxen Muslim-Verbände nicht in der Lage sind, sich an einer Demonstration gegen islamistischen Terror zu beteiligen. Die Gründung einer „liberalen Moschee“ in Berlin ist vor diesem Hintergrund umso willkommener, um eine gesellschaftliche Allianz verschiedener Religionen gegen den Terror zu initiieren.

Eine insgesamt unübersichtliche Lage, die auf jeden Fall ein hohes Maß an Ignoranz der Märkte hinsichtlich der Einpreisung von derzeitigen geopolitischen Risiken und gesellschaftlichen Unsicherheiten aufweist. Selbst die Spannungen der Golf-Anrainerstaaten mit Katar ließen den Ölpreis nicht reagieren, im Gegenteil, er fiel sogar weiter. Die internationalen Finanzmärkte richten es sich wohl schon in der wohligen Sommerruhe ein und lassen sich derzeit von nichts stören.

 

 

Hinweise:
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