Die Marktmeinung aus Stuttgart: Zwischen Hoffen und Bangen

Michael Beck

Stuttgart, 16.10.2019

Es sollte keiner meinen, man hätte nicht genug verhandelt. Auch zwei Tage vor dem entscheidenden EU-Gipfel in Sachen Brexit laufen die Verhandlungen auf Hochtouren. Aber es ist wie immer: Kommen am Morgen noch hoffnungsvolle Aussagen, in diesem Falle von Chef-EU-Unterhändler Barnier, so werden sie am Nachmittag wieder abgeschwächt. Mal wieder muss sich die britische Seite mehr bewegen, als sie das bisher getan hat. Nach wie vor ist es nicht sehr wahrscheinlich, dass bis zum Wochenende eine tragfähige Lösung gefunden wird. Immerhin hat Frankreich seinen Widerstand gegen eine weitere Verlängerung der Brexit-Frist aufgegeben, sodass diese Möglichkeit, einen harten Brexit zu verhindern, gegeben ist. Der konsternierte Beobachter fragt sich nur, was sich bei einer erneuten Verlängerung denn ändern sollte, nachdem der britische Premier mehr Interesse an Neuwahlen entwickelt als an einer Lösung der äußerst verfahrenen Brexit-Situation. Dabei könnte sich Johnson in die Phalanx derer einreihen, die aufgrund von Umfrageprognosen Neuwahlen anstrebten und dann hinterher ziemlich baden gegangen sind (z. B. Cameron, May und Salvini). Für die Finanzmarktakteure gestaltet sich das Ganze immer mehr als Roulette zwischen zwei Optionen. In diesem Falle nicht Rot oder Schwarz, sondern rechtzeitige Kompromisslösung oder nicht und damit „No-Deal-Brexit“. Das Pfund kann also in den nächsten Tagen stark steigen oder stark fallen, die Aktienmärkte können in den nächsten Tagen noch stärker steigen oder noch stärker fallen und die Stimmung dies- und jenseits des Kanals kann nicht mehr schlechter sein, als sie schon ist.

Hinzu kommt der für die Finanzmärkte doch überraschende Winkelzug des 45. US-Präsidenten mit seinem unmotivierten und in seinen eigenen Reihen hochumstrittenen Rückzug aus Nordsyrien, der die Büchse der Pandora in Person eines die Weltlage falsch einschätzenden türkischen Präsidenten Erdogan geöffnet hat. Ungeachtet des weiteren zusätzlichen und unnötigen Leids der Zivilbevölkerung baut sich eine sehr brisante Lage in Nordsyrien auf, die die Finanzmärkte belastet. Die türkischen Aktienmärkte und die Währung fallen dramatisch, obwohl die wichtigtuerisch angekündigten US-Sanktionen noch nicht sehr bedrohlich wirken. Der andere Konflikt in der Region – die Iran-Krise –ist dabei vollkommen aus den Augen geraten. Finanzakteuren bleibt nichts anderes übrig, als ihre Stimmungen je nach Nachrichtenlage zwischen Hoffen und Bangen mäandern zu lassen. Vorsicht bleibt angebracht.      

 

 

Hinweise:
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