Die Marktmeinung aus Stuttgart: Wahlverlierer im Glück

Michael Beck

Stuttgart, 03.07.2019

Ein neuer politischer Trend scheint sich zu manifestieren. Nicht mehr die stärkste Partei bzw. Fraktion hat den Regierungsauftrag und stellt den Regierungschef, sondern in einer zunehmend zersplitterten Parteienlandschaft diejenige Partei, die am flexibelsten Bündnisse schmieden kann. Der EU-Spitzenkandidat und Vorsitzende der größten Fraktion im Europäischen Parlament weiß ein Lied davon zu singen, da er wohl trotz des Wahlsieges der konservativen Fraktion EVP bei den letzten sehr stark frequentierten Europawahlen vom französischen Präsidenten als EU-Kommissionschef verhindert worden ist. Inwieweit der nun vorgelegte überraschende Vorschlag der europäischen Regierungschefs mit einer EU-Kommissionspräsidenten Ursula von der Leyen eine Mehrheit im EU-Parlament findet, bleibt abzuwarten. Es ist auch zu sehen in Bremen, wo sich die massiv abgestrafte Wahlverliererin SPD zum ersten Mal in den alten Bundesländern in eine rot-grün-rote Koalition rettet und die Wahlgewinnerin, die CDU, als stärkste Fraktion ausbootet. Für die Wirtschaft und Finanzmärkte ist dies natürlich eine beachtenswerte Entwicklung. Denn dies ist die Blaupause für die nächste Bundestagswahl, egal ob sie früher nach den Landtagswahlen im Herbst oder zum normalen Zeitpunkt in 2021 stattfindet. Steuerbelastungen, höhere Staatsverschuldung und staatliche Eingriffe bis hin zu Enteignungen drohen und könnten die hiesige Investitionsbereitschaft und den Zustand der Wirtschaft mittelfristig gefährden.

Diese Entwicklung manifestiert sich in einer Zeit, in der die weltweiten Handelsstreitigkeiten sowieso schon massive Bremsspuren in der Konjunktur hinterlassen. Der europäische Einkaufsmanagerindex ist deutlich unter die Wachstumsschwelle von 50 gefallen, der Konsum in Deutschland ist nach langer Zeit wieder einmal rückläufig, ganz zu schweigen von sinkenden Exporten. Maschinenbauer und Automobilhersteller werden in 2019 ins Minus rutschen und viele international tätige deutsche Unternehmen verkünden Stellenabbauprogramme. Vordergründig stützen solch negative Meldungen noch die Aktienmärkte, da sie die Erwartungen einer Wiederaufnahme der expansiven Geldpolitik der EZB schüren. Zumal die mögliche Draghi-Nachfolgerin Christine Lagarde als EZB-Präsidentin ebenfalls eher für eine expansive Vorgehensweise steht. Aber mittelfristig wird diese Entwicklung natürlich auch Auswirkungen auf die Gewinnentwicklung der Unternehmen haben. Man kann davon ausgehen, dass das Jahr 2018, in dem alle 30 DAX-Unternehmen mit schwarzen Zahlen abgeschlossen haben, ein vorläufiger Höhepunkt der Unternehmensgewinnentwicklung war. Es steht zu hoffen, dass das hervorragende Halbjahresergebnis der internationalen Börsen nicht ebenfalls einen Höhepunkt darstellt.

 

 

Hinweise:
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