Die Marktmeinung aus Stuttgart: Regierungsbildung 2.0

Michael Beck

Stuttgart, 29. November 2017

Eine Regierungsbildung im europäischen Kernland Deutschland scheitert krachend nach vier Wochen anstrengender Sondierung und niemanden scheint es zu interessieren. Zumindest nicht an den Kapitalmärkten. Die Zinsmärkte notieren relativ unverändert, die Aktienmärkte stiegen sogar leicht an. Und an den Devisenmärkten beendete der Euro seine kleine Korrekturphase und stieg wieder auf über 1,19 USD/EUR. Einerseits ist dies durch das Nichtzustandekommen einer Regierung unter Beteiligung der FDP, die sich strikt gegen eine Transfer-EU und damit gegen Reformvorschläge des französischen Präsidenten Macron wendet, begründet. Andererseits wurden Ende letzter Woche mit dem Rekord-ifo-Geschäftsklimaindex und dem steilen Anstieg der Einkaufsmanagerindizes bärenstarke Wirtschaftsdaten in Europa veröffentlicht, denen nicht ganz so gute US-Wirtschaftsdaten gegenüberstehen. Einzig der weiter bestehende und wachsende Zinsabstand zum USD-Raum begrenzt derzeit den Euroanstieg zum USD. 

Die sehr guten Stimmungsindikatoren, die den Euro stützen,  spiegeln sich seit geraumer Zeit auch in der Gewinnentwicklung der Unternehmen in Deutschland und Europa wider. Sowohl für die im Dax als auch im Euro Stoxx 50  vertretenen Unternehmen werden für 2018 neue Rekordausschüttungen erwartet. Und hier ist mit Sicherheit einer der Gründe zu sehen, warum die Aktienmärkte die politische Hängepartei in Berlin fast schon unbeteiligt beobachten. Solange die Dividendenrendite von im Durchschnitt ca. 3 % noch um rund 2 bis 3 % höher ist als die Rendite von mittelfristig laufenden Unternehmensanleihen oder nach wie vor negativ rentierenden Staatsanleihen, dürfte die Unterstützung für die Aktienmärkte anhalten. Insbesondere solange die Leitbörsen in den USA täglich neue Rekorde markieren. In Deutschland hat es Bundespräsident Steinmeier geschafft, die SPD an ihren Wählerauftrag (immerhin 20 % aller Stimmen) zu erinnern, sodass nun Sondierungsgespräche für eine Wiederaufnahme  der großen Koalition aufgenommen werden. Immerhin verfügt diese Konstellation über eine komfortable Mehrheit im Bundestag. Die europäischen Nachbarn warten auf die neue Regierung und den Finanzmärkten würde trotz Ignoranz politischer Gegebenheiten ein kleiner Ballast von der Seele fallen, wenn das volkswirtschaftlich wichtigste Land über eine stabile Regierung verfügen würde.  

 

 

Hinweise:
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