Die Marktmeinung aus Stuttgart: Herbst-Showdown

Michael Beck

Stuttgart, 17. Oktober 2018

Auf einigen Feldern und Themengebieten steuert in diesem Herbst vieles auf einen regelrechten Showdown zu. Angefangen mit dem ungeklärten Status des Brexits über die Haushaltsprovokation Italiens bis hin zu den Handelsstreitigkeiten der USA mit dem Rest der Welt, vor allem China. Die Entscheidungen liegen nahe oder sollten zumindest in der nächsten Zeit gefällt werden. Ansonsten droht Agonismus, der die Weltwirtschaft wirklich in ihren Grundfesten erschüttern könnte. Noch zeigt der wirtschaftliche Datenkranz in Europa und vor allem in den USA keine Ermüdungserscheinungen. Der ein oder andere Stimmungsindikator zieht sich jedoch deutlich in neutrales oder sogar negatives Terrain zurück. So gestern der ZEW-Indikator, der die Stimmung unter Finanzexperten misst, die zugegebenermaßen immer etwas empfindlicher sind als Unternehmensvertreter. So konnte der ifo-Geschäftsklimaindex in der jüngsten Unternehmensbefragung sein Niveau fast halten und verlor nur geringfügig, während der ZEW-Indikator ein starkes Minus aufwies. Die gestiegene Wahrscheinlichkeit eines harten, ungeregelten Brexits und die regelmäßige Verschärfung der Rhetorik der Trump-Administration China gegenüber verunsichert die Marktakteure.

Denn die harten Daten zeigen ein anderes Bild – die Auftragseingänge der deutschen Industrie stiegen zuletzt wieder an. Die schwache innenpolitische Performance, die seit Monaten in Deutschland zu verzeichnen ist, scheint noch wenig Auswirkungen zu zeigen. Aber auch hier scheint die in zwei Wochen stattfindende Hessen-Wahl zu einem Showdown der politischen Befindlichkeiten zu werden. Im schlimmsten Falle könnte es die Parteivorsitzenden der drei GroKo-Parteien zugleich ihren Vorsitz kosten. Die deutsche Wirtschaft performt dennoch gut – trotz der politischen Situation.

Der Konfrontationskurs der italienischen Regierung dürfte wohl nur durch eindeutige Marktreaktionen gemildert werden, so sie denn eintreten. Die hohe Verschuldung Italiens ist relativ gut durchfinanziert, die niedrigen Zinsen der Vergangenheit wurden durchaus genutzt, um sich diese für eine Weile festzuschreiben. Leider gilt dies nicht für die Verschuldungshöhe, die Zeit der niedrigen Zinsen wurde leider nicht genutzt, um sinnvolle Strukturreformen umzusetzen. Im Gegenteil, die rechtspopulistische Regierung dreht die von ihren Vorgänger-Regierungen angestoßenen Reformen wieder zurück und führt mit der geplanten Erfüllung von teuren Wahlversprechen Italien an den fiskalpolitischen Abgrund.

Noch war gar nicht die Rede von den internationalen Entwicklungen, von denen sich der Börsianer derzeit eher mit Grausen abwendet. Ob die in einen Journalisten-Mordfall verstrickte Regierung Saudi-Arabiens oder Präsidenten, die neben ihrer politischen Funktion noch ihr Zentralbank-Talent entdecken (siehe Türkei und USA) – es bleibt nur noch befremdetes Kopfschütteln und der Versuch, die Anlagestrategien wetterfest zu machen. Diversifikation über alle Märkte, Regionen und Assetklassen hinweg machte selten mehr Sinn als in diesen Tagen. Im Rahmen einer langfristig ausgerichteten Anlagestrategie sollten Korrekturen an den Märkten als antizyklische Einstiegschancen wahrgenommen werden. Prozyklisches Flüchten vom Börsenparkett vernichtet letztendlich immer Kapital.        

 

 

Hinweise:
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