Die Marktmeinung aus Stuttgart: EZB-Roulette

Michael Beck

Stuttgart, 11.09.2019

Was wird die Europäische Zentralbank am Donnerstag in ihrer Pressekonferenz verkünden? Das fragen sich die Investoren, denn sie würden sich gerne in der richtigen Art und Weise mit ihren Investments positionieren. Wird der Einlagensatz weiter abgesenkt und wenn ja, um wie viel? Wird es eine Art Kompensation für die Banken geben, damit die Belastungen aus den Minuszinsen beherrschbar bleiben? Wird das Anleihenkaufprogramm wieder aufgenommen und wenn ja, um wie viel? Fragen über Fragen, dabei wäre die interessanteste Frage, was die EZB denn verkünden müsste, um kein Enttäuschungspotential bei den Marktteilnehmern hervorzurufen. Verzichtet die Zentralbank auf eine Verlängerung bzw. Ausweitung ihrer expansiven geldpolitischen Maßnahmen, dürften viele Investoren ihre Enttäuschung in Aktienverkäufe münden lassen. Bestätigt die EZB mit ihren Beschlüssen die Erwartungen und Hoffnungen der Marktteilnehmer, könnte dies zu Anschlusskäufen führen, die die Aktienmärkte auf neue Jahreshochs hieven könnten. Leider lässt sich wie immer nicht genau definieren, wo genau die Grenze zwischen Enttäuschung und Erleichterung liegt. So bleibt den Investoren nichts anderes übrig, als im EZB-Roulette auf Rot (= Verschiebung EZB-Maßnahmen = Enttäuschung = fallende Kurse) oder Schwarz (= Erfüllung der Erwartungen = steigende Kurse) zu setzen. Im Vorfeld der mit Spannung erwarteten EZB-Entscheidungen legten vor allem in den letzten Wochen unter die Räder gekommene zyklische Werte zu. Hilfreich war hier sicherlich auch die Nachricht, dass im Juli ein kleines Exportplus in Höhe von 0,70 % zum Vormonat zu verzeichnen war.

Immerhin schürt dies die Hoffnung, dass das Tal der Konjunktur-Tränen nun durchschritten sein könnte. Die Gewinnerwartungen der Unternehmen dürften sich jedoch erst mit der Zeit erholen. Voraussetzung ist dabei nach wie vor, dass im Handelsstreit der USA mit China und dem sich zuspitzenden Drama um den Brexit Lösungen abzeichnen. Die jüngsten Kursgewinne speisen sich nur aus der Hoffnung auf weitere expansive geldpolitische Maßnahmen der EZB und Fortschritte in besagten Bremsklötzen der Welt- und EU-Konjunktur.

Die Bilder vom letzten Parlamentstag in London lassen jedoch Zweifel darüber aufkommen, dass eine kurzfristige Lösung erreichbar ist. Diese tumultartigen Szenen am Ende der Sitzung war man bisher nur von Parlamenten in diversen Bananenrepubliken gewohnt. Solches im altehrwürdigen britischen Parlament verfolgen zu müssen, lässt den unbeteiligten Beobachter ob der Tatsache erschaudern, welche Macht inzwischen von skrupellosen und nicht mehr dem Wohl der Nation verpflichteten Populisten ausgeht. Mit einem harten Brexit muss deshalb unverändert gerechnet werden. Es scheint jedoch so zu sein, dass viele Unternehmen ihre Vorkehrungen getroffen haben, um die Folgen daraus abzufedern. Trotz der leichten Stimmungsverbesserungen sollten zunächst die EZB-Entscheidungen abgewartet werden und die vorsichtige Haltung bis zur Lösung des Handelsstreit- bzw. Brexitthemas beibehalten werden.

 

Hinweise:
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