Die Marktmeinung aus Stuttgart: Erleichterung meets Unsicherheit

Michael Beck

Stuttgart, 29.05.2019

Was für ein Turnaround! Bei der letzten Bundestagswahl wurden die Grünen vom Wahlvolk mit gerade einmal 8,9 % auf den letzten Platz der Bundestagsparteien verwiesen, nun reichten ein heißer Dürre-Sommer und eine junge schwedische Schülerin, um sie mit knapp 20 % Stimmenanteil zur zweiten Kraft im Land werden zu lassen. Aktien, denen solch eine Kursentwicklung gelingt, werden als Fallen Angels bezeichnet. Nun wird es spannend sein zu sehen, wie die Vertreter der Grünen Partei ihrem Wahlklientel vermitteln können, dass E-Tretroller oder E-Bikes zwar schick, im Vergleich zur normalen Muskelkraft jedoch klimaschädlich sind, weil sie (oh Wunder) Strom verbrauchen. Ähnlich wie die Smartphones und Laptops vieler Schüler, die nicht nur jeden Freitag während der Klima-Demonstration im Dauereinsatz sind. Es ist das eine, allgemein Antworten auf die dringenden Fragen der Zeit zu fordern, aber etwas ganz anderes, Antworten zu geben. Schöne Gewohnheiten wie der Wochenend-Kurzflug nach Barcelona oder London und der jährliche Urlaub auf der südlichen Erdhalbkugel oder jenseits des Atlantiks dürften mit einer CO2-Steuer deutlich teurer werden. Wenn diese Antworten, die die Parteien, allen voran die Grünen, liefern möchten, wirklich etwas bewirken sollen, muss eine deutliche Verhaltens- und Konsumänderung der Bevölkerung einziehen. Mit entsprechend negativen Wirkungen auf die Entwicklung des Bruttosozialproduktes. Auch viele Umverteilungsfantasien (z. B. Grundrente) sind derzeit gespeist von Rekordhöhen an Steuereinnahmen und Maximalbeschäftigung. Die Krisen um uns herum deuten aber bereits darauf hin, dass die rosa Konjunkturwolken deutlich am Verblassen sind. Die deutsche Bevölkerung macht 1 % der Weltbevölkerung aus, deshalb kann die nationale Klimapolitik die Welt nicht retten. Daher ist ein europäischer Ansatz notwendig, und wenn möglich, sollte der ökologische Umbau der Wirtschaft wenig Arbeitsplätze kosten, sondern eher schaffen. Dies kann geschehen, wenn zum Beispiel mehrgleisig gefahren wird. Nur auf E-Motorisierung zu setzen wird aus Ressourcen- und Logistikgründen nicht funktionieren, die Brennstoffzelle und Wasserstofftechnologie wird z. B. parallel ausgebaut werden müssen. Auch dies kann Wirtschaftswachstum und Innovationsführerschaft bedeuten.

Die Finanzmärkte reagierten zunächst erleichtert auf das Ausbleiben eines Erdrutschsieges des rechtsgerichteten Populistenlagers. In einzelnen Ländern jedoch, z. B. in Italien und Frankreich, stellten Vertreter dieses Lagers die Wahlsieger. Auswirkungen sind in Italien bereits zu sehen. Salvinis erste Tat war die Ankündigung sehr teurer Maßnahmen, für die das Land kein Geld hat. Er schwenkt, gestärkt durch seinen Wahlsieg, sofort wieder in seinen EU-Konfrontationskurs ein. Da ihm die Haushaltsregeln der EU egal zu sein scheinen, stießen Investoren vermehrt italienische Anleihen ab. Ähnlich wie in anderen Ländern scheint es Populisten wie Salvini egal zu sein, wie Marktreaktionen ausfallen. Die Kosten, die sein Land dann aufgrund höherer Zinsen zu bezahlen hat, wohl auch. Oder plant er, weder Zinsen noch Rückzahlung selbst zu begleichen? Ein Grund mehr aus deutscher Sicht, sich gegen die Vergemeinschaftung von europäischen Schulden zu stemmen. Der Streit unter den europäischen Regierungschefs/-chefinnen um die Besetzung des Postens des EU-Ratspräsidenten wirft ein weiteres Schlaglicht auf die derzeitigen Probleme der EU. Und dabei sind die Herausforderungen eines ungeregelten Brexit, der durch den Wahlsieg der Brexit-Partei in Großbritannien wahrscheinlicher geworden ist, auf den Herbst verschoben. Wer weiß, vielleicht steuert Deutschland neben Österreich eine weitere Regierungskrise bei, wenn die SPD nach ihrem Wahldesaster doch noch zum Schluss kommt, aus der Großen Koalition austreten zu müssen. Für die Finanzmärkte bedeutet dies wachsenden Stress bis zum Herbst. Wiederkehrende Furcht vor einer erneuten Finanz- und Schuldenkrise 2.0 und wachsende politische Instabilitäten, national wie international, beschäftigen die Investorengemüter. Eine etwas defensivere Ausrichtung mit höheren Cash-Quoten dürfte derzeit anzuraten sein.

 

Hinweise:
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