Die Marktmeinung aus Stuttgart: Britisch-europäisches „Chicken Game“

Michael Beck

Stuttgart, 30.01.2019

Nein, es geht hier nicht um EU-Hygienevorschriften in der Hühnerproduktion, denen Großbritannien nicht mehr unterworfen sein möchte. Vielmehr handelt es sich bei einem „Chicken Game“ um eine Experiment-Situation in der Spieltheorie, bei der zwei Kontrahenten aufeinander zurasen und hoffen, dass das Gegenüber zuerst zuckt und ausweicht. In der Regel funktioniert das auch und der Kontrahent mit den besseren Nerven gewinnt. Ein Problem entsteht dann, wenn beide so von sich überzeugt sind, dass die restlichen Millisekunden der Erkenntnis, dass nun ein Crash droht, nicht mehr ausreichen, um diesen zu verhindern. Beim Brexit-Thema sind wir nicht mehr weit von dieser Situation entfernt. Noch bevor das britische Parlament seine Vorstellungen über die weitere Vorgehensweise artikulierte, stand bereits das darauf passende Statement der EU, dass keinerlei Nachverhandlungen in der Nordirland-Frage möglich sind. Premierministerin May wird wohl einen relativ nutzlosen Betriebsausflug nach Brüssel unternehmen und die Brexit-Uhr tickt gnadenlos weiter. Derweil steigen die Sorgen um die Konjunktur in der Euro-Zone, auch wenn sich das Konsumentenklima in Frankreich nach den massiven Gelbwesten-Protesten erholen konnte und in Spanien nach 566.000 neu geschaffenen Stellen in 2018 die niedrigste Arbeitslosenquote seit 2008 zu verzeichnen ist. Der Handelsstreit zwischen den Streithähnen USA und China überlagert derzeit alles. Die wichtigsten Handelspartner der EU drohen in ihrem Streit wirtschaftlich so viele Federn zu lassen, dass auch hierzulande massive Auswirkungen zu spüren sein werden.

Dabei können sich viele Investoren, zumindest jene, die an den Aktienmärkten investiert geblieben sind, über einen starken Jahresauftakt freuen. Die ersten Unternehmensergebnisse in der aktuellen Berichtssaison, die mit Spannung erwartet worden waren, liegen im Durchschnitt leicht über den Erwartungen. Nun liegt es an den USA, China, Großbritannien und der EU, ihre Hahnenkämpfe zu beenden und zu sinnvollen und praktikablen Lösungen zu kommen. Denn ansonsten dürften sich die Jahresanfangsgewinne wieder schnell in heiße Luft auflösen.

 

Hinweise:
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