Die Marktmeinung aus Stuttgart: Besonnene Finanzakteure

Michael Beck

Stuttgart, 18.09.2019

„Nach Rohöl drängt, am Rohöl hängt doch alles. Ach wir Armen!“ Welches andere als dieses abgewandelte Goethe-Zitat könnte den aktuellen Zustand nach dem Drohnenangriff auf die größte saudi-arabische Ölraffinerie beschreiben? Trotz Trend zu erneuerbaren Energien und regelmäßigen Anstrengungen zur Eindämmung des Klimawandels zeigte sich wieder einmal die weltweite Bedeutung des Rohstoffes Öl. Immerhin blieb die erwartete Katastrophe an den Finanzmärkten aus, der Ölpreis stieg nur kurz um 20 %, ermäßigte sich schnell auf +10 % und beruhigte sich am Tag darauf wieder. Dieser Angriff verdeutlicht die Verwundbarkeit der weltweiten Rohölversorgung, um die man sich seit längerem schon Sorgen macht. Die Drohung der Iraner steht immer noch im Raum, die Straße von Hormus zu schließen, durch die immerhin ca. 30 % des weltweiten Öltransports vonstattengehen. Dies trauen sie sich wohl noch nicht und setzen auf Nadelstiche, indem sie immer wieder einzelne Tanker angreifen, beschädigen oder beschlagnahmen. Der Angriff vom Wochenende hat eine ganz andere Qualität, und auch wenn noch nicht klar ist, wer endgültig dafür verantwortlich ist, destabilisiert es die Situation im Nahen Osten weiter. Erstaunlich ist, wie besonnen die Finanzmärkte reagiert haben. Weder kam es zu befürchteten „Preisexplosionen“ noch zu crashartigen Tumulten an den Aktienmärkten, wie es vor einigen Jahren wohl der Fall gewesen wäre. Die beispiellos niedrigen (Minus-)Zinsen machen Aktien wohl wirklich derzeit alternativlos.

Allerdings zeigen einzelne Wirtschaftsdaten auch tatsächlich den berühmten Silberstreifen am Horizont auf. Der ZEW-Index, der durch eine Befragung von ca. 900 Finanzexperten erhoben wird, verdeutlicht zwar eine Verschlechterung der aktuellen Konjunkturlage, konnte sich aber im Ausblick deutlich verbessern. In den USA stieg die Industrieproduktion sowie die Kapazitätsauslastung und auch der wichtige Häusermarkt befindet sich wieder im Aufschwung. Ob da die Fed dann die nächste Zinssenkung am heutigen Abend vornimmt, bleibt fraglich. Einmal jedoch wird sie dieses Jahr wohl ziemlich sicher zu diesem Mittel greifen. Das umfangreiche geldpolitische Maßnahmenpaket der EZB trägt ebenfalls noch zur Stabilisierung bei, sodass gute Chancen bestehen, die Kursniveaus bis zum Ende des Quartals in ruhigen Bahnen zu halten. Das vierte Quartal bringt mit der Brexit-Entscheidung, eventuellen Neuwahlen in Spanien und der Entscheidung über den Fortbestand der großen Koalition in Deutschland genügend Anlässe zu volatileren Entwicklungen an den Finanzmärkten. Genießen wir daher die aktuelle vorherbstliche Ruhe.

 

Hinweise:
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