Die Marktmeinung aus Stuttgart: Actio und Reactio

Michael Beck

Stuttgart, 28.08.2019

So sieht wohl eine Eskalation in Echtzeit aus – eines unschuldigen Freitagnachmittags verkündet die chinesische Führung Gegenzölle auf die von der US-Administration verhängten Zölle, die ab 1. September gelten sollen, und bereits kurze Zeit später werden über den seit längerem offiziellen US-Regierungskanal Twitter weitere US-Gegenzölle als Vergeltung für die chinesischen Gegenzölle angedroht. Die Aktienmärkte korrigierten bereits nach der chinesischen Meldung, weil eigentlich mit einer Entspannung bei diesem Thema gerechnet worden war. Zum Mini-Crash wurde es dann bei der US-Meldung, da nun klar war, dass eine kurzfristige Entspannung in weiter Ferne liegt. So, wie es aussieht, hat die Politik des maximalen Drucks des US-(Chefökonomen-)Präsidenten keinen Erfolg, weil die chinesische Seite fest entschlossen ist, nicht nachzugeben. Dies führt zu massiven Irritationen und weiteren Bremsspuren in der Weltwirtschaft. Die Rezessionsgefahr wird in vielen Volkswirtschaften immer größer. Wahrscheinlich hofft die chinesische Regierung, dass sich pünktlich zur Präsidentschaftswahl in den USA auch dort rezessive Tendenzen durchsetzen werden. Denn mit einer Rezession im Gepäck ist noch kein Präsident wiedergewählt worden.  

Dies allerdings sind Planspiele ohne Wert, denn auf dem Weg dahin nimmt der weltweite Handel und die Weltkonjunktur eminenten Schaden. Dies spiegelt sich nicht nur in scharf fallenden Stimmungsindikatoren, wie dem ifo-Geschäftsklimaindex, der auf den tiefsten Stand seit 2012 gefallen ist, wider. Auch die harten Daten lassen inzwischen deutlich zu wünschen übrig. In Deutschland befindet sich die Industrie seit ca. einem Jahr in einer Rezession und die ausgeprägte Exportschwäche lässt vermuten, dass nach dem BIP-Minus im zweiten Quartal auch im dritten Quartal mit einer weiteren Schrumpfung der Wirtschaftsleistung zu rechnen sein wird. Obwohl die Konsumausgaben noch das Schlimmste verhindern, dürfte die deutsche Wirtschaft zumindest in eine „technische“ Rezession, d. h. zwei aufeinanderfolgende Quartale mit einem Minus-Wachstum, rutschen. Aufgrund der desaströsen Frühindikatoren-Entwicklung ist leider damit zu rechnen, dass sich die Lage bis zum Jahresende nicht entscheidend verändert. Insbesondere nicht, wenn es tatsächlich zu einem harten Brexit käme, den der neue Premier Johnson wohl anstrebt, wenn es keine Annäherung zwischen der EU und Großbritannien gibt. Immerhin scheint sich die britische Opposition derzeit dahingehend abzusprechen, dass dieser Worst-Case-Fall mittels neuer Gesetzesinitiativen verhindert werden soll.   

Die ersten großen vermögensverwaltenden Einheiten, wie die UBS oder Rothschild, raten bereits zur Untergewichtung globaler Aktien bzw. zu Gewinnmitnahmen. Zwar unterstützen die historisch niedrige Minuszinsphase und die Aussicht auf expansive geldpolitische Zentralbank-Maßnahmen die Aktienmärkte. Wenn sich jedoch die Nachfrage großer Vermögensverwalter abschwächt oder sogar Kapitalströme aus den Aktienmärkten abfließen, sind die Kurspotentiale nicht nur begrenzt, sondern eher auf Abschwung eingestellt. Vorsicht ist in den nächsten Wochen zumindest auf der Tagesordnung.    

 

 

Hinweise:
Die vorliegenden Informationen sind keine Finanzanalyse im Sinne des Wertpapierhandelsgesetzes und genügen nicht allen gesetzlichen Anforderungen zur Gewährleistung der Unvoreingenommenheit von Finanzanalysen und unterliegen nicht einem Verbot des Handels vor der Veröffentlichung von Finanzanalysen...

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